Corona Daten Chaos

Am 12.05.2020 berichteten diverse Medien von einer deutlichen Zunahme an Corona-Fällen. Nach den großen Grundrechte Demos vom Wochenende mag sicher der eine oder andere hier einen Zusammenhang vermutet haben. Bei genauerem Hinsehen und Recherchieren stellt man jedoch schnell fest, dass die Gesundheitsbehörden offensichtlich große Probleme bei der Erfassung und Weiterleitung der Meldedaten haben. Teilweise werden Daten, die zwei Monate zurückliegen, gemeldet.

Im Dashboard des Robert Koch-Instituts (RKI) https://corona.rki.de/ war von 933 Neuerkrankungen und 116 neuen Todesfällen innerhalb der letzten 24 Stunden zu lesen.

Die gemeldeten Corona-Fälle sind in Säulendiagrammen dargestellt. Jeder Tag stellt eine Säule dar. Der gelbe Anteil einer Tagessäule sind die innerhalb der letzten 24 Stunden neu hinzugekommenen Fälle, der blaue Anteil die schon davor gemeldeten.

Dashboard des RKI vom 12.05.2020 00:00 Uhr

Sehr viele Säulen haben oben gelbe Balken. Das bedeutet, dass am 11.05.2020 für viele und teilweise lange zurückliegende Tage Fälle nachgemeldet wurden. Die Summe aller gelben Balkenanteile ergibt die 933 Fälle. Das entspricht jedoch keinesfalls den neuen Coronafällen, wie in den Medien verbreitet wurde. Auch die Bezeichnung des RKI als Differenz der neuen Fälle zum Vortrag ist irreführend.

Die Rohdaten des RKI gibt es unter https://www.arcgis.com/home/item.html?id=f10774f1c63e40168479a1feb6c7ca74.[1] Eigentlich wurden am 11.05.2020 1.051 neue Fälle gemeldet bzw. beim RKI erfasst. Da jedoch gleichzeitig 118 Fälle wieder zurückgezogen wurden, ergaben sich die 933 angeblich neuen Fälle.

Die ältesten Fälle der am 12.05.2020 neu gemeldeten Fälle waren jedoch von Anfang März!
41% der angeblich neuen Fälle (384 von 933) lagen länger als eine Woche zurück!

Im Schnitt liegen zwischen den Meldungen, bei denen das Erkrankungsdatum bekannt ist, zwischen Meldung und Erkrankung 7,2 Tage. Zwischen der Erfassung beim RKI und dem Meldedatum vergehen im Schnitt jedoch bereits 18,1 Tage. Im Schnitt dauert es folglich 25,3 Tage (also 3 1/2 Wochen!), bis ein Erkrankungsfall beim RKI zentral erfasst wird. Das RKI weist in seinem Disclaimer im Dashboard auf einen „Melde- und Übermittlungsverzug“ von „einigen Tagen“ hin: „Zwischen der Meldung durch die Ärzte und Labore an das Gesundheitsamt und der Übermittlung der Fälle an die zuständigen Landesbehörden und das RKI können einige Tage vergehen (Melde- und Übermittlungsverzug).

Dasselbe Chaos besteht bei der Meldung der Todesfälle. 118 neue Todesfälle, 2 zurückgezogene, der älteste Todesfall lag zwei Monate zurück.

Die Ursache dieses Chaos ist in der Überlastung der Gesundheitsbehörden von Bund und Ländern zu vermuten. Ein kleine Anfrage im Bundestag ergab, dass viele Planstellen in den Bundesministerien nicht besetzt sind. Ein Hauptgrund ist die schlechte Bezahlung der ohnehin knappen Fachkräfte im öffentlichen Dienst.

Als Beispiel sei das Projekt VacMap aufgeführt. Das RKI sammelt Abrechnungsdaten der Krankenkassen und veröffentlicht diese im Projekt VacMap, um u.a. die Masern Durchimpfungsraten in den ersten Lebensjahren darzustellen. Bis 2017 erfolgte die Aktualisierung immer Ende des Jahres. Dies wurde Anfang 2019 umgestellt, so dass eigentlich Mitte 2019 die nächste Aktualisierung hätte erfolgen müssen. Das ist bisher nicht geschehen. Der Datenstand bei VacMap ist unverändert Ende 2017. Auf Nachfrage nach den Gründen dafür, erklärte das RKI als Grund, dass beim RKI ein „IT-Notstand“ vorliege und auch kein Zeitpunkt für die Aktualisierung benannt werden könne.

Eine Umfrage zweier öffentlich rechtlicher Fernsehsender unter allen Gesundheitsämtern in Deutschland ergab: „Denn Virologen raten dringend, dass nur mit konsequenter Nachverfolgung dieser sogenannten engen Kontaktpersonen die Ausbreitung der Epidemie wieder in den Griff zu bekommen ist. … 67 Prozent haben dagegen gemessen an den Bund-Länder-Vorgaben nicht genügend Mitarbeiter, um die Verfolgung enger Kontaktpersonen gewährleisten zu können.“ Diese Kontaktverfolgung gehört jedoch zu den wichtigsten Aufgaben der Gesundheitsämter. Dadurch können Kontakte getestet und ggf. isoliert werden und auch sog. Infektketten – „wer hat wen wann und wo angesteckt“ – gebildet werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordert für die Elimination der Masern eben genau diesen lückenlosen Nachweis von Infektketten. Wenn in drei aufeinanderfolgenden Jahren der Nachweis gelungen ist, dass keine Infektkette länger als 12 Monate anhielt, zertifiziert die WHO diesem Land die Masernelimination. In Deutschland war 2018 bei 22 % der Masernfälle die Ansteckungsquelle unbekannt. Damit ist keine Zuordnung zu einer Infektkette möglich. Die WHO kritisiert Deutschland deswegen zuletzt im Jahr 2019 und fordert hier Verbesserungen im öffentlichen Gesundheitswesen: „The RVC believes that more efforts are required to improve case and outbreak investigations allowing a better understanding of chains of transmission.“ (Sinngemäße Übersetzung: „Das RVC (europäisches WHO Komitee für die Elimination) ist der Ansicht, dass weitere Anstrengungen erforderlich sind, um die Fall- und Ausbruchsuntersuchungen zu verbessern und ein besseres Verständnis der Übertragungsketten zu ermöglichen.“)

Die Überforderung der Gesundheitsbehörden und die Folgen sind der Regierung also nicht erst seit dieser Pandemie bekannt! Trotzdem hielt es die Regierung bisher nicht für nötig hier Abhilfe zu schaffen. Das wird nun während dieser Belastungsprobe zu einem Riesenproblem.

Nun wird auch nachvollziehbar, wieso der Gesundheitsminister die Überwachungsapp so forciert. Da die Gesundheitsämter offenbar nicht in der Lage sind die zwingend notwendige Detektivarbeit zur Aufspürung von Infektketten mit der akribischen Nachverfolgung von Kontaktpersonen zu leisten, glaubt er diese Aufgabe elegant durch eine Überwachungsapp erledigen zu können.

Wie sich die Bundesregierungen und Landesregierungen samt ihrer Gesundheitsministerien bei dieser katastrophalen Datenqualität zeitnah ein Bild über das tatsächliche Infektionsgeschehen machen wollen, ist rätselhaft. Das wäre jedoch die unabdingbare Voraussetzung für die die Grundrechte verletzenden Maßnahmen! Es besteht auf Basis dieser Daten keine Möglichkeit das reale Infektionsgeschehen vernünftig abzuschätzen. Auch die neue Maßzahl der Kanzlerin für einen erneuten Lockdown in einem Gebiet (50 Neuinfektionen pro 100.000 Menschen in einem Landkreis innerhalb der letzten 7 Tage) ist deshalb sehr kritisch zu sehen.

Die Regierung hätte als Ausweg aus dieser Daten-Katastrophe unverzüglich nach Beginn der Pandemie laufend Studien durchführen müssen, um sich ein reales Bild von Corona als Basis für ihre Entscheidungen machen zu können. Es ist unverständlich, wieso dies nicht geschehen ist und wieso man sich bis heute auf diese unbrauchbaren Infektionsdaten stützt.

Zum Schluss weisen wir auf die Ausführungen von Prof. Kuhbandner hin, der kritisiert, dass die Zunahme von Corona Tests ursächlich für die scheinbare Zunahme bei den Infektionszahlen ist, und das in den Berechnungen nicht berücksichtigt wird.

[1] Da die Datei mit den Rohdaten des RKI täglich überschrieben wird, stellen wir die Datei vom 12.05.2020 für eigene Berechnungen ausnahmsweise unter https://initiative-freie-impfentscheidung.de/wp-content/uploads/2020/05/RKI_COVID19.csv zur Verfügung. Leider gibt es beim RKI kein Datenarchiv. Es sind also immer nur die Werte für die letzten 24 Stunden verfügbar. Wir werden die Thematik jedoch über einige Tage beobachten, ob und wie sich die o.g. Durchschnittswerte verändern und unsere Erkenntnisse ggf. hier ergänzen.